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Das Kriegsende in Wirschweiler...

 

Am 19. März 2005 jährt es sich zum 60.Mal, dass Wirschweiler und seine Nachbardörfer, ohne dass es zu schweren Kämpfen gekommen wäre, von den Amerikanern besetzt wurden.  Solch eine aufregende Zeit kann eigentlich nur so richtig erfasst werden, wenn man einem authentischen Bericht, der in dieser Zeit unter dem Eindruck der Ereignisse geschrieben wurde, folgt.
Frau Petry, Pfarrfrau in Wirschweiler, lebte mit ihren vier Töchtern in dem großen Pfarrhaus vor der Kirche. Pfarrer Petry war zu dieser Zeit Soldat. Sie berichtet über die Ereignisse im März 1945 wie folgt:
In der Nacht vom 14. zum 15. März weckte mich einer unserer Soldaten, da sie in der Frühe um 5 Uhr abrücken mussten. Dieser Aufbruch war ein sicheres Zeichen, dass uns die Front sehr nahe gerückt war und wir in den kommenden Tagen mit dem Kommen der Amerikaner  rechnen mussten. Wir richteten alles darauf ein, um evtl. einige Tage im Keller zu hausen. Den größten Teil der Möbel hatten wir nach unten geschafft, um bei Artilleriebeschuss jedenfalls einiges im unteren Stockwerk zu haben. Während des Umräumens standen plötzlich unsere zwei Soldaten  wieder im Hausgang vor uns. Sie hatten Befehl, sich über Morbach und dann über die Heerestrasse  zum Rhein zurückzuziehen. Aber die Heeresstraße lag unter Beschuss und war von Fahrzeugen aller Art verstopft. Außerdem hausten die Jabos verheerend. Also blieben sie noch einmal zum Mittagessen. Am Spätnachmittag zogen sie in Richtung Idar-Oberstein ab. Im Laufe der folgenden Nacht hörte man unaufhörlich unsere Truppen zurückgehen, Pferdegespanne, Kraftfahrzeuge usw. Spät am Abend kam noch eine Gruppe Volkssturmmänner, die untergebracht werden mussten. 11 Mann kamen zu uns ins Gemeindezimmer. Ich kochte ihnen noch schnell Kaffee, da sie ganz verfroren waren. Am folgenden Tag war lebhafte Fliegertätigkeit. Unsere Truppen fluteten unaufhörlich  durch unsere Dörfer zurück. Das Artilleriefeuer war verhältnismäßig gering und nicht besonders laut zu hören. Am Freitag hieß es, die Amerikaner seien  in Morbach. Aber es  war bei uns so ruhig, dass wir es nicht glaubten. Mit wachsender Spannung  verlief der Freitag und der Samstagmorgen. Immer noch kamen unsere Soldaten zurück. Sie hatten aber keine Zeit mehr, sich lange aufzuhalten. Am Nachmittag kamen noch einmal 9 Mann, todmüde  und wärmten sich in unserer Küche kurz auf. Ich gab ihnen noch etwas von der Suppe vom Mittag. Dann zogen sie wieder weiter. Inzwischen verstärkte sich der Jabo-Beschuss außerordentlich über Allenbach. Wir saßen im Keller, stellten aber zwischendurch fest, dass es in Allenbach brannte. Nach zwei Stunden wurde es endlich wieder etwas ruhiger. Wir stellten vom Speicher aus zwei Brandstellen in Allenbach fest und erfuhren dann bald, dass das Haus der Witwe Brenner und die Scheune des Schuhmachers Brenner  durch Beschuss abgebrannt sei. Tote gab es unter den Zivilisten nicht, aber drei Soldaten lagen verkohlt an der Strasse.
Vor der Nacht kamen noch einmal vier Soldaten und baten darum, in unserer Küche schlafen zu dürfen. Meine Betten und das Chaiselongue waren belegt durch Allenbacher Leute, die sich nicht getrauten, in Allenbach zu schlafen. Wir machten für die Soldaten ein Strohlager. In der Nacht mussten sie schon weiter. Nur einer blieb zurück, um hier die Amerikaner abzuwarten. Er blieb bis Sonntag gegen Abend. Der Tag verlief unheimlich ruhig, weder Artillerie noch Flieger waren zu hören. Aber allerlei Gerüchte gingen um, dass der Ami bei Hüttgeswasen oder an der Idarbrücke sei. Der Montagmorgen verlief ebenso ruhig. Man wusste nicht, woran man war. Ich sah mir in Allenbach die Brandschäden an. Gegen 11 Uhr erschien plötzlich ein langsam fliegender Flieger , der immer über Allenbach und Wirschweiler kreiste, besonders über den Panzersperren. Es war der Artilleriebeobachter und wir wussten von den Soldaten, dass es der letzte Vorbote vor den Amerikanern war. Gegen 14.30 Uhr kamen Allenbacher Kinder und sagten: Die ersten Panzer sind im Dorf. Vom Speicherfenster aus sahen wir auf der Chaussee Panzer an Panzer rollen. Und dann kamen die ersten Wagen nach Wirschweiler herauf. Wir standen auf der Haustür als die Panzerspähwagen und ein Funkwagen ins Dorf fuhren. Sie hielten vor unserem Haus und verlangten nach dem Ortsbürgermeister. Nachdem festgestellt war, dass kein Soldat im Dorf  und alle Waffen abgegeben waren, wurde die Einnahme unseres Dorfes gefunkt. Ein eigenartiges Gefühl von  Befreiung und neuer Belastung überkam uns. Alle waren nur dankbar für die reibungslose Abwicklung der Dinge. Die Panzerspähwagen fuhren wieder ab und für den Rest des Tages sahen wir niemand mehr. Am Dienstag kamen dann Truppen ins Dorf. Mehrere Häuser  mussten ganz geräumt werden, um der amerikanischen  Einquartierung Platz zu machen. Wir blieben verschont. Ab 4 Uhr nachmittags mussten wir in den Häusern bleiben. Wir kamen uns wie gefangen vor. Am nächsten Tag wurde die Sperrzeit auf 18 Uhr und bald auf 19 Uhr festgesetzt. Im übrigen verhielten sich die Truppen korrekt. Hier und da gab es Hausdurchsuchungen. Bei uns nicht.
Am schwersten konnte man sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass man nun von aller Welt abgeschlossen war, nicht mehr schreiben konnten, um allen mitzuteilen , dass wir alles gut überstanden hatten. 
Am Mittwoch, den 21. März fand trotz allem Militärbetrieb die Prüfung der Konfirmanden und am Palmsonntag in Allenbach ihre Konfirmation statt, deren Feier nur durch die an der Kirche vorbeirasenden  Panzer; Fahrzeuge und Geschütze gestört wurde. Wir waren trotz allem dankbar, dass die Feier noch in dieser Weise gehalten werden konnte. 
Am 24. März zogen die Amerikaner weiter. Seitdem blieb es ruhig. Nur die unaufhörlich unsere Dörfer überfliegenden Flugzeuge verrieten uns die Heftigkeit der Kämpfe jenseits des Rheins. Ostern konnten wir in aller Ruhe feiern. Wann werden wir einmal wieder Nachricht von den Unseren erhalten?

Ergänzend zu dem ausführlichen Bericht von Frau Petry möchte ich noch einige Begebenheiten hinzufügen, die mir meine Mutter, Gisela Paulus geb. Theis, berichtete:
Meine Mutter war unter den Konfirmanden, die von Pfarrer Hamm, Schauren  in der Wirschweiler Kirche geprüft wurden. Während der Prüfung ging die Kirchentür auf und einige Amerikaner traten auf ihren gummibesohlten Schuhen kaum hörbar ein, natürlich mit vorgehaltenem Gewehr. Emil Juchem, dessen Tochter auch unter den Prüflingen war, nahm sich der Amerikaner an und konnte sie bewegen, die Kirche zu verlassen. 
Nach der Konfirmation in Allenbach, an einem Sonntag mit klarblauem Himmel, gingen die Konfirmanden mit ihren Angehörigen nach Wirschweiler. Über ihnen zogen am Himmel ungezählte Flugzeuge, durch die Kondenzstreifen deutlich sichtbar, nach Osten. Christel Juchem wurde von seiner Patentante, Ottilie Paulus begleitet. Angesichts der Flieger, die mit großem Gedröhne ihre todbringende Last über den Rhein trugen, sagte Leyendeckersch Tille: Wo mag nur unser Bub sein? Sie meinte damit ihren Sohn Erwin, der, was sie nicht wissen konnte, schon am 22.März 1945 unter einer solchen Bombenlast  am Neckar  umgekommen war.
Ferner erzählte meine Mutter mir, dass sie vor dem herannahenden Feind allerlei  Vorkehrungen trafen. So brachten sie Pakete mit Butter und andere Lebensmittel, in Theise war die Milchsammelstelle, in den sicheren Keller in Klee’e im Hinterdorf. Zuvor hatten sie die Fahne, das Hitlerbild, das ja fast in jedem Haus hing, und einige Bücher im Backofen verbrannt. Ferner erzählte sie mir, dass zwei in „Mierdes“ (Heub) aus Merzig (Saar) evakuierte Mädchen, der englischen Sprache mächtig, den Amerikanern auf dem Gemeindeplatz mitteilten, dass keine Soldaten mehr im Dorf seien, lediglich zwei Urlauber, unter ihnen Erwin Stieh, die sich dann den Amerikanern stellten und in Gefangenschaft gingen. 
W.P.