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Der Max und sein Stier...

 

Wirschweiler, ein einstmals landwirtschaftlich geprägtes Dorf im Hunsrück

Hier ein Bestandteil damaliger bäuerlicher Kultur--------------
Im Gegensatz zur heutigen Landwirtschaft, bei der Kühe meist künstlich besamt
werden, wurden früher dafür Deckstiere in der Gemeinde gehalten. Sehr interessant der 
soziale Aspekt hierbei.
Hier die Abschrift  des Vertrages dazu:

Heute, den 13.März 1876 wurde unter den unterschriebenen Einwohnern von Wirschweiler nachfolgender Vertrag wegen Haltung der Zuchtstiere verabredet und geschlossen:

1.
Es verpflichtet sich ein jeder der Unterzeichneten der Reihe nach einen Zuchtstier auf ein Jahr und zwar für die Zeit vom 25.Juli laufenden bis zum 25.Juli des nächsten Jahres zu halten und soll zunächst bei dem Franz Schunck und Jakob Reichardt begonnen werden von welchem
jeder einen Stier halten soll

2.
Jeder der Unterschriebenen muß einen guten brauchbaren Stier halten und darf ihn nicht vor der bestimmten Zeit verkaufen .Die Commission soll darüber entscheiden welche Stiere brauchbar sind oder nicht und hat dieselbe das Recht, falls der eine oder der andere unbrauchbar sein sollte, auf Kosten des Mitgliedes einen brauchbaren Stier einzustellen.

3.
Jeder Stierhalter soll zunächst von der Gemeinde 1.eine Wiese in Kleistert,2.zwei Wiesen in der  Gladenbach, 3.eine neu angelegte Wiese in der Pferdsweide erhalten. Das Gras von diesen Wiesen wird von den Mitgliedern unentgeltlich gemäht.

4.
Ferner verpflichtet sich jeder der Unterschriebenen für eine Kuh oder ein Rind, welches von einem Stier bedeckt wird 5 Liter Hafer zu liefern und zwar sobald die Kuh oder das Rind gedeckt ist.  Liefert das eine oder andere Mitglied nicht, so soll hierfür vom Ortsvorsteher nach Maßgabe des Preises festzusetzende Betrag durch die Gemeinde Wirschweiler in Executionswege eingezogen werden und an den Stierhalter abgeliefert werden.

5.
Sämtliche Stierhalter sind verpflichtet, jedem Mitcontrahenten auf Wunsch den Stier zum Bedecken seines Viehes herauszulassen, ohne dafür eine weitere besondere Entschuldigung zu verlangen.

6.
Außer den Kühen die den Mitgliedern der Gesellschaft angehören, dürfen in der Regel die Stierhalter keine Kuh bedecken lassen, sollte es jedoch ohne Nachtheil für die Gesellschaft geschehen können, worüber die Commission entscheidet, so ist es dem Stierhalter gestattet gegen ein Honorar von 4 Mark für jede Bedeckung den Stier auch Nichtmitgliedern herauszulassen.
Diesen Betrag muß an den zeitigen Ortsvorsteher oder ein anderes vom Gemeinderath eventuell zu bestimmendes Mitglied gezahlt werden, welcher die Hälfte von 2 Mark dem Stierhalter zukommen läßt, die anderen 2 Mark werden zum Nutzen der Gesellschaft als Kapital angelegt, im Falle einer der Stierhalter  mit dem Stier verungücken sollte, sodaß  die Gesellschaft eintreten muß.

7.
Die armen Einwohner von Wirschweiler, welche nur eine Kuh halten und deren Vermögens-verhältnisse so gering sind, daß sie diesem Vertrag nicht beitreten können, erhalten die Kühe für eine Mark gedeckt, welcher Betrag an den jeweiligen zu zahlen ist; die Entscheidung, wer zu dieser Klasse der Armen zu zählen ist, steht dem Gemeinderath allein zu.

8.
Sollte das eine oder andere Mitglied durch einen Sterbefall aus der Gesellschaft entrissen werden, so hat der zeitige Gemeinderath darüber zu entscheiden, ob die Witwe oder ein anderes Mitglied der Angehörigen an den Vertrag gebunden ist oder nicht.

9.
Gegenwärtiger Vertrag soll so lange Gültigkeit haben, bis alle Mitglieder den Stiergehalten haben. Sollte sich die Gesellschaft nach Ablauf des Turnus auflösen wollen, so soll der in der Kasse befindliche Bestand an die einzelnen Mitglieder vertheilt werden.

10.
Dieser Vertrag welcher in einem Exemplar aufgenommen wurde soll vom Ortsvorsteher sorgfältig aufbewahrt werden.

Also verhandelt in Wirschweiler wie eingangs Unterschriften:
52 Einwohner von Wirschweiler.

Dieser Vertrag wurde aufgesetzt, als Georg Friedrich Paulus Ortsvorsteher war.
Die Unterzeichneten, was sicher die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe 1876 wiedergibt, waren jedoch meist nicht ausgesprochen wohlhabend.
100 Jahre später gab es in Wirschweiler nur noch 2-3 einheimische Bauern.
2003 werden die Anbauflächen von einem hauptberuflichen und einem nebenberuflichen Bauern, sowie von auswärtigen Betrieben erledigt.
Die Bullenhaltung war nach dem Kriege Sache der Gemeinde. Die beiden Bullen wurden in einem eigens dafür gebauten Stierstall, heute Feuerwehrhaus, gehalten. Die Betreuung der Tiere oblag dem Gemeindediener. Heute ist die Haltung von Deckstieren zugunsten der künstlichen Besamung weitestgehend aufgegeben worden.—

Zu der Stierhaltung und dem letzten Gemeindediener eine kleine Epsiode. Der letzte Gemeindediener in Wirschweiler war Max Klee, den man getrost als Wirschweiler Original bezeichnen kann. Im oblag die Tätigkeit als Gemeindearbeiter, Schulhausmeister, Totengräber, Ausscheller (dazu auf einer späteren Seite mehr) und wie schon vorher erwähnt der Unterhalt der gemeindeeigenen Deckstiere und des Ziegenbocks.   

Natürlich war es bei den pubertierenden Jugendlichen in der damals medienarmen Zeit bekannt, wenn eine Kuh zum Stier gebracht wurde.

Vor allem die männlichen
Jugendlichen betätigten sich dann hinter der Ecke des Stierstalles als Voyeure wenn der Stier seinem Geschäft nachging. Die Entdeckung durch „den Max“ führte dann mindestens zur übelsten Schimpfkanonade, wenn nicht gar zu einigen Hieben mit der „Gaischel“ (Peitsche). Diese letzte Erziehungsmaßnahme scheiterte aber meistens, denn „der Max“ war zwar mit markigen Worten und vielleicht  auch körperlich überlegen, an Schnelligkeit fehlt es ihm damals aber schon.

Auch führte es bei den Müttern der Jugendlichen zu Irritationen, wenn einer der Söhne mit blauen Flecken und tagelang nach Ziegenbock stinkend nach Hause kam. Man konnte dann sicher sein, daß der Max in erwischt hatte und ihn kurzzeitig das Quartier mit dem Ziegenbock teilen ließ.

Max Klee mit Sohn Paul Dieter